Bis heute ist nicht bewiesen, dass eine HRT (=Hormonersatztherapie ) ein Karzinom, speziell ein Mammakarzinom ursächlich auslösen kann.

Bereits in der Brust vorhandene Östrogenrezeptor-positive Krebszellen können durch Östrogene stimuliert werden, bis das Karzinom nach Millionen von Zellteilungen erkennbar wird, d.h. das Karzinom nach wenigstens etwa 10-jähriger Entwicklung 109 Zellen umfasst

Nach biologischem Verständnis ist somit ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs unter einer HRT ( = Hormonersatztherapie) nicht auszuschließen
Andererseits können Abwehrmechanismen dazu führen, dass die Entwicklung eines Karzinoms gehemmt wird, bevor es klinisch manifest wird.

Soweit daher in Studien in kürzeren Zeiten Mammakarzinome gesehen wurden (WHI-Studie, MWS), kann es sich nur um stimulierte, bereits vorhandene Karzinome oder/und um primär übersehene Karzinome gehandelt haben

Hinsichtlich des Brustkrebs-Risikos könnten Unterschiede zwischen den Gestagene bestehen, d. h. es dürfte im Vergleich zu synthetischen Gestagenen wie MPA (Gestagen der WHI-Studie) oder Norethisteronazetat (häufig in Skandinavien angewendet)) ein verringertes Risiko bei Anwendung von Progesteron ( = natürliches Gelbkörperhormon) oder dessen Abkömmling Dydrogesteron bestehen

Prinzipiell muss unterschieden werden , ob eine kombinierte Hormongabe ( Östrogen plus Gelbkörperhormon ) oder eine alleinige Östrogengabe erfolgt
Eine kombinierte Hormongabe ist immer dann erforderlich, wenn die Gebärmutter noch vorhanden ist, eine alleinige Östrogengabe ist ausreichend, wenn die Gebärmutter entfernt worden ist.

Ein Mammakarzinom-Risikoanstieg unter einer kombinierten Hormonersatztherapie (HRT) wurde in der WHI-Studie ab dem vierten Behandlungsjahr festgestellt.

Eine Mammakarzinom-Risikoerniedrigung um 33 % unter einer reinen Östrogengabe zeigte ebenfalls die WHI-Studie

Bei der Hormongabe hat man verschiedene Möglichkeiten der Zufuhr : in Tablettenform oder über die Haut (=transdermal) als Gel und auch in Form von Zäpfchen, Tabletten oder Cremes über die Scheide.
Möglicherweise ist das Brustkrebs-Risiko bei transdermaler Anwendung des Gestagens geringer

In den Studien lagen die Brustkrebs-Raten in absoluten Zahlen etwa bei 2 bis 5 zusätzlichen Diagnosen pro 1.000 Frauen pro Jahr bei 5-jähriger Behandlung und z.T. bis 15-jähriger Nachbeobachtung

Im Vergleich dazu liegen die Brustkrebs-Risiken bei z. B. Übergewicht oder Zigarettenrauchen bis 10-fach höher.

Mit wenigen Ausnahmen waren die in den Studien festgestellten Mammakarzinome unter Einfluss einer HRT besser differenziert ( weniger aggressiv ) und hatten zum Zeitpunkt der Diagnose seltener Metastasen gesetzt

Dieser Befund korreliert mit der tumorbiologischen Erkenntnis, dass Östrogene vorhandene bösartige Zellen Rezeptor-abhängig stimulieren können, diese Zellen dann aber besser ausdifferenzieren, daher weniger bösartig sind und deshalb möglicherweise leichter vernichtet werden können, ganz abgesehen davon, dass Östrogene auch krebsschützend wirken können. Letzteres ist jedoch von der individuellen Abwehrlage abhängig, wodurch sich die unterschiedlichen Studienergebnisse erklären lassen.

Bei einem Zustand nach Mammakarzinom gilt eine HRT als nicht erlaubt, zumindest dann, wenn es sich um Östrogenrezeptor-positive Karzinome gehandelt hat, und solange nicht alle Alternativen zur Behandlung klimakterischer Beschwerden ausgeschöpft wurden

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