Wie bei allen Therapiemassnahmen muss man die Nutzen-Risiko-Relation überprüfen. Bei der HRT ist es entscheidend, dass die Hormonzufuhr dann begonnen wird, wenn die körpereigene Hormonproduktion nicht mehr stattfindet oder nicht mehr ausreichend ist, sodass verschiedenste Beschwerden auftreten können.

Entscheidend ist der Beginn der HRT im Alter von deutlich unter 60 Jahren, da dann der Nutzen einer HRT eindeutig überwiegt. Die Sterblichkeitsrate (Mortalität) wird um 40% reduziert !

Die HRT ist die wirksamste medikamentöse Behandlungsform bei vasomotorischen Beschwerden sowie auch bei psychonervösen Symptomen (Leitsymptome: Hitzewallungen, Schweissausbrüche), soweit sie mit einem Östrogenmangel in Verbindung stehen.
Die Wirkung setzt bereits nach 2 Wochen ein; die benötigte Östrogen-Dosis ist etwa nach 8 Wochen der Substitution abzuschätzen

Auch andere Beschwerden können durch eine HRT gebessert oder behoben werden. Dies gilt für

  • Schlafstörungen,
  • depressive Verstimmungen,
  • Leistungs- und Gedächtnisminderungen,
  • Knochen- und Gelenksymptome (aus dem Rheuma-Formenkreis),
  • Seh-, Haut- und Schleimhautveränderungen,
  • Haarausfall und andere Beschwerden.
  • Libidominderung

Das zweite wichtige Indikationsgebiet für eine Hormonbehandlung sind vaginale Beschwerden wie Trockenheit, Brennen und Rötung, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.
Derartige Beschwerden können innerhalb von 4 - 6 Monaten in über 90 % behoben werden

Eine wirksame Prävention im Hinblick auf rezidivierende Harnwegsinfekte lässt sich durch eine HRT bewirken. Dazu ist eine niedrig dosierte, lokale (vaginale) Behandlung ebenso wirksam wie eine systemische Östrogen-Substitution. Soweit ausschließlich lokale Beschwerden vorliegen, sollte daher eine lokal-vaginale Behandlung gewählt werden

Da es am „Durchhaltevermögen“ bei Lokalbehandlung häufiger mangelt, kann man auch eine systemische Weiterbehandlung durchführen , d.h. in Form von Tabletten oder transdermal per Pflaster oder Hormongel.
Bei dieser Behandlungsstrategie werden auch urologische Beschwerden wie Schmerzen beim Wasserlassen, häufiger Harndrang und auch häufiger nächtlicher Harndrang, gebessert bzw. behoben
Auch eine Dranginkontinenz lässt sich dadurch günstig beeinflussen.
Bei Dranginkontinenz sollte zunächst eine lokale Behandlung versucht werden, so wie sie häufig auch vor urogenitalen Operationen durchgeführt wird.
Zu beachten ist , dass es bei zu hohen Östrogendosen bei älteren Frauen auch zu einer Erschlaffung der Blasenmuskulatur kommen kann.

Die Wirksamkeit der Östrogene als effektivste therapeutische Maßnahme zur Primärprävention der Osteoporose war nie umstritten, insbesondere nicht bei frühem Beginn mit Einsetzen der Wechseljahre mit Östrogenen allein bzw. mit einer Östrogen-Gestagen-Kombination.
Diskussionen ergaben sich in den letzten Jahren nur im Hinblick auf die Frage, ob es Alternativen gibt.

Eine Kalzium- und Vitamin-D-Supplementierung allein kann Frauen mit Risiken nicht ausreichend vor der Entwicklung einer Osteoporose schützen sie sind jedoch ergänzend zur HRT sehr wichtig für die Stabilität des Knochensystems.

Die Möglichkeit einer Herzinfarkt-Primärprävention durch eine unmittelbar nach Eintritt der Wechseljahre beginnende HRT sollte in einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung besprochen werden

Etwa jede dritte Frau leidet an einer KHK ( = Koronare Herzkrankheit) . Im höheren Alter trägt diese Erkrankung mit über 30% zur Gesamtsterblichkeit
bei – bei Brustkrebs sind es nur 2%.
Mit rechtzeitiger, also zeitnah an der Menopause begonnener Östrogensubstitution lässt sich das KHK-Risiko bekanntlich um ein Drittel (in der WHI-Studie bei den 50- bis 60-Jährigen) und nach der Nurses‘ Health Study sogar um die Hälfte senken.
Die Wirkmechanismen der Östrogene für der Herzschutz sind bekannt, beispielsweise vermehrte NO-Bildung zur Gefässerweiterung und Absenkung der Blutfette.

Bei bestehender Hypertonie (= Bluthochdruck) kann durch Einsatz „gefässfreundlicher“ Gestagene (z.B. das natürliche Progesteron ) kombiniert mit einer Östrogenzufuhr über die Haut der Blutdruck stabilisiert werden.

Derzeit sollte für alle Frauen im Alter über 60 Jahren der Beginn einer jeglichen HRT die Ausnahme bleiben, da das Risiko besteht, dass sich aufgrund des jahrelangen Fehlens herzschützender Östrogen-Wirkungen arteriosklerotische Plaques gebildet haben, die dann unter einer HRT destabilisiert werden und zu arteriellen Thromboembolien führen können.

Als metabolisches Syndrom (auch Syndrom X, tödliches Quartett) wird die Kombination von zentraler Adipositas, Insulinresistenz bzw. Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörung sowie Bluthochdruck bezeichnet.

Entscheidend für die Entwicklung eines metabolischen Syndroms ist das Viszeralfett, d.h. das Fett, das im freien Bauchraum um die Organe herum gespeichert ist und somit von aussen nicht sichtbar ist
Es setzt eine Reihe von Entzündungsfaktoren frei, sodass sich letztlich eine Insulinresistenz entwickelt und das Risiko für Bluthochdruck, Fetttstoffwechselstörungen und Diabetes sich erhöht

In den letzten Jahrzehnten hat das Viszeralfett bei Frauen enorm zugenommen. Vergleicht man zwei Frauen gleichen Gewichts aus den Jahren 1960 und 2008, findet man im Mittel eine Zunahme des Viszeralfetts um elf Kilogramm. Das bedeutet aber auch einen Verlust von elf Kilogramm Muskelmasse als Zeichen der zunehmenden körperlichen Inaktivität

Eine HRT hat ausgeprägte, im Allgemeinen positive Wirkungen auf den Fettstoffechsel, ein Nutzeffekt, der sich vor allem bei vorbestehenden Störungen positiv auswirkt.

Im Hinblick auf den Fettstoffwechsel ist darauf zu achten, in welcher Form die HRT erfolgt :

  • Oestrogene senken LDL ( bei oraler stärker als bei transdermaler HRT.
  • Oestrogene erhöhen bei oraler HRT das "gute“ HDL , aber in höheren Dosierungen auch die Triglyzeride. Letzteres wird unter transdermaler Applikation vermieden.
  • Besonders wichtig ist die Senkung von Lipoprotein(a) was durch alle Östrogene (bei oraler wie transdermaler Anwendung bewirkt wird, da es hierfür keine andere medikamentöse Möglichkeit gibt .
    Lp (a) gilt als besonders wichtiger, unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen Auch eine diabetische Stoffwechsellage kann unter Östrogenen verbessert werden. Auch die Häufigkeit des Auftretens eines Diabetes mellitus wird entsprechend dem Ergebnis mehrerer Studien um 20 - 40 % gesenkt. Im Hinblick auf den Kohlenstoffwechsel ist auch die Gestagenkomponente von Bedeutung
    Progesteron kann möglicherweise die präventive Östrogen-Wirkung verstärken.

Bei bereits bestehendem Morbus Alzheimer zeigten Studien eindeutig keine Verbesserungen durch eine HRT

Eine Prävention des M. Alzheimer scheint möglich, wenn früh in oder nach der Perimenopause mit einer HRT begonnen wird

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