Der grosse „Absturz“ in der Hormontherapie wurde eingeleitet durch verschiedene Untersuchungsstudien, die entscheidende war die WHI-Studie, deren Ergebnisse erstmalig in 2002 veröffentlicht wurden

Was den Sturm der Kritik an der Hormontherapie ausgelöst hat, war eine sehr ungeschickte Medienpolitik der Autoren der WHI-Studie ; sie wollten Erfolg ( Medienerfolg ) haben und berühmt werden und haben ihre Mitteilungen so gestreut, dass Sensationelles heraus kam

Die Autoren haben die Information zuerst an die Medien gegeben und erst dann an die Fachleute und der erste Satz war negativ besetzt und der ist den Medienmachern im Kopf geblieben und wurde schnell verbreitet

Wenn man schreibt „Die Risiken sind grösser als der Nutzen„ , dann weiss man , welche Folgen eine solche Formulierung nach sich zieht

Eine der ersten Schlagzeilen in der Laienpresse fand sich in der New York Times vom 10.7.2002 :

Unzählige Medienberichte folgten. Der Schock hätte kaum heftiger sein können, denn noch unmittelbar zuvor hatte die Therapie mit weiblichen Hormonen (HRT) breiteste Anwendung gefunden. Von Alzheimer bis Angina pectoris und von Libidomangel bis Orangenhaut schien alles mit Hormonen vermeidbar zu sein. Und jetzt plötzlich sollte das alles nicht mehr wahr sein.

Die öffentlich geführte Debatte war voll von Polemik und auch Häme. Die Medien titelten „Brustkrebs oder Knochenbruch „ und die Wortführer der meist vernichtenden Hormonkritik sammelten sich um Epidemiologen, Statistiker und Krankenkassenvertreter.

Der SPIEGEL titelte in seiner Ausgabe 30/2001 :

In Arbeit

Hormone haben ein Imageproblem. Nicht unbedingt bei Gynäkologen und Endokrinologen - beim Rest der Welt aber schon.

Ich bin gegen Hormone." Diesen Satz höre ich in meiner Sprechstunde tagtäglich
Ein entscheidender Grund ist sicherlich, dass von unserem hart erarbeiteten medizinischen Grundlagenwissen im Bereich der Laienmedien nur wenig ankommt.
Dort werden munter die alten Vorurteile gepflegt: Hormone machen Krebs, Hormone machen dick, die bekannte Litanei. Die Vorurteile sitzen tief und sind für viele Frauen der Grund, lieber stärkste Beschwerden zu ertragen als wirksame Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Auch deshalb müssen wir endokrinologisch tätigen Ärzte noch mehr Anstrengungen unternehmen, um das Wissen über die Hormone nach außen zu tragen. Was in einer der wichtigsten Fachzeitschriften wie „Lancet“ nachzulesen ist, ist wichtig. Was in der „Frau im Spiegel“ steht ist auch wichtig, da das unsere Patientinnen lesen. Und unsere Patientinnen sollten auch nachvollziehbar erfahren, dass es zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden noch andere Möglichkeiten als Salbeitee, Schüsslersalze und Globuli gibt.

Es soll auch an dieser Stelle in keiner Weise bestritten werden, dass Hormontherapien - wie jede andere wirksame Therapie - auch Risiken und Nebenwirkungen haben.
Allerdings sind diese bei richtiger Indikation und Applikation inzwischen minimal.

Zweifellos ist die WHI-Studie noch immer der Hauptgrund für die weit verbreitete Angst vor Hormonen.
Die Studie hatte aber auch durchaus ihr Gutes. Aus Fehlern lernt man. Aus fehlerhaften Studien auch. Und aus der WHI-Studie haben wir die richtigen Lehren gezogen.
Die moderne, niedrig dosierte, individualisierte und auf bioidentischen Hormonen aufbauende Substitution ist eine ganz andere Behandlung als die starre Verordnung überdosierter Hormone in oraler Form nach dem Gießkannenprinzip, wie sie noch in den 80er- und 90er Jahren üblich war.
Hormon kommt vom griechischen „hormein“ was soviel heißt wie: antreiben.

Was uns als Ärzte antreibt, ist das Bemühen, unser Wissen und unsere Fertigkeiten stets auf den neuesten Stand zu bringen, um so unseren Patienten möglichst effektiv helfen zu können

Die letzte aktuelle Analyse von 2010 zeigt rechtsseitig die Vorteile (Benefits) der HRT und linksseitig die Nachteile (Risks).

Das einzige Risiko was noch geblieben ist , ist das erhöhte Brustkrebs-Risiko bei der Kombinationstherapie von konjugierten Östrogenen (Pferdeöstrogene) mit dem Gestagen MPA , wie es in den USA immer noch üblich ist. Das MPA wird in Europa nicht mehr verwendet, weil vieles dafür spricht, das dieses Gelbkörperhormon für das erhöhte Brustkrebsrisiko verantwortlich ist

Auch noch geblieben das Risiko für Schlaganfall (Apoplex) und Gallenwegsentzündungen (Cholecystitis); dies liegt auch daran, dass man in USA alles in Tablettenform verordnet ; bei der transdermalen Therapie (Pflaster oder Gel) lässt sich dies vermeiden

Nach dem „WHI-Schock“ von 2002 haben eine detaillierte Auswertung der Studien und einige Umstellungen in der praktischen Anwendung dazu geführt, dass die Hormonersatztherapie wieder eine effektive und nebenwirkungsarme Therapieform darstellt.

Ausführliches dazu unter „Renaissance der HRT

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